Was ist das hier? – Wer seid ihr hier? – Was wollt ihr da?
Ein großer Aufwand, schmählich! Ist vertan; …
Wie ich gehört habe, ist der General-Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar bestrebt, sein Haus mit seinen tätigen Mitarbeitern wie eine Familie zu führen und darin auch sein Publikum einzubeziehen. Letzteres macht von der Gelegenheit, sich dem Stück durch die Einführung vor Beginn der Vorstellung zu nähern, dankbar Gebrauch. Allerdings sind Schwerbehinderte davon ausgeschlossen, weil es für sie keine Möglichkeit gibt, höhere Ebenen zu erreichen.
Unbefangen und überrascht vernahm ich durch den Mund der Dramaturgin das Anliegen und das Verständnis der neuen Faust-Inszenierung – ein Antrittsgeschenk des die Regie führenden Intendanten: die Wahrnehmung des Faust habe sich vom Fortschrittsgedanken verschoben in Richtung Nachhaltigkeit und Entschleunigung, der Zeitgenosse Faust integriere sich in die kapitalistischen Verhältnisse und schließe im Glauben, Gott zu sein und sich selbst kontrollieren zu können, eine Wette mit sich selbst, der erscheinende Erdgeist wird zur Halluzination eines suizidalen, Drogen konsumierenden Faust, der von seinem Schüler mit neuen Drogen versorgt wird, den Tod klammere Faust aber aus seinem Lebenskonzept aus, in der zeitreflektiv an die französische Revolution erinnernden Hexenküche werden nach Schönheitsoperationen Amphetamine und Viagra verteilt, Faust handle in Bezug auf Gretchen verantwortungslos, gierig und mache sich absolut schuldig, diese befinde sich in einem Emanzipationsprozess…
Dass diese Verwirrung steigerungsfähig war, habe ich nicht vermutet und so stellte sich mit jeder neuen Szene Ernüchterung, Enttäuschung schließlich gar Langeweile ein.
Das lag weniger an dem grob minimalistischen Bühnen“bild“, vielmehr an der fantasielosen Umsetzung einer solchen Reduktion, den ungenutzten Möglichkeiten, die Beleuchtung, Musik und Videoprojektionen bieten könnten, um den Kern einer Aussage zu fokussieren.
Ein sich entwickelndes Unbehagen wurde verstärkt durch die ermüdenden „Effekte“ undeutlicher Worte aus der Tiefe des Bühnenraumes, durch sich wiederholende fragwürdig komische Einlagen und ein über weite Strecken schwerfälliges Spiel, das einem Schultheater kaum Konkurrenz machte. Was sich abspielte, entsprach weder dem in der Einführung mitgeteilten „Verständnis“ noch in irgendeiner Facette Goethes eigentlichen Aussagen.
Die Schauspieler blieben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück, ihre angestrengt wirkenden und sich wiederholenden Clownesken, konnten in ihrer Undifferenziertheit den Gehalt der Inszenierung nicht erhöhten.
Die Erkenntnis, dass es eine Illusion ist, zu vermuten, dass ein Theaterdirektor dem Anspruch seines geehrten Vorgängers und Gründers mit seiner Faust-Inszenierung gerecht werden könnte und mit Einsichten in die „im gesamten Werk verstreut liegenden Geheimnisse“ vertraut sein würde, zumal nach einer mehr als 8 Jahre währenden Beschäftigung mit diesem Thema, ist die eigentliche Bilanz dieser Vorstellung.
Diese Art Theater befestigt das Chaos, den Werteverfall und die Orientierungslosigkeit in und um uns, da wo Einsicht und Bildung dringend notwendig wären. Es ist destruktiv, weil es uns vormacht, dass sowohl die Alten in der Vergangenheit auf der Suche nach einem erfüllten Leben keine Antwort gefunden hätten und scheiterten, die Gegenwärtigen und Zukünftigen ebenso scheitern werden und müssen, weil sie nirgendwo eine vernünftige Alternative sehen können.
Damit gräbt sich das Theater erfolgreich sein Grab, denn es nutzt seine einzigartigen Chancen in einer Welt unüberschaubarer Möglichkeiten der Unterhaltung und Zerstreuung nicht.
Die Kritiken zu dieser Inszenierung gleichen größtenteils den Bemerkungen zu des Kaisers neuen Kleidern.
Goethe ist aktueller denn je – doch das erschließt sich nur dem Eingeweihten, diese Weihe auch einem selbstbestimmten Publikum zuzutrauen wäre eine Chance gewesen…
www.nationaltheater-weimar.de/faust